Ich dachte wirklich, Erwachsene hätten einen Plan.
- Lisa
- 15. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Juli
Als Kind war ich fest davon überzeugt, dass es irgendwann diesen einen Moment gibt. Den Moment, in dem man versteht, wie Menschen funktionieren. Wie Beziehungen funktionieren. Wie Selbstvertrauen funktioniert. Wie man gute Entscheidungen trifft. Wie man mit Gefühlen umgeht. Und vor allem den Moment, in dem man endlich angekommen ist.
Ich dachte, Erwachsene hätten einen Plan.
Heute bin ich selbst erwachsen. Und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, dass genau das die größte Illusion meiner Kindheit war.
Dabei wissen wir heute wahrscheinlich mehr über den Menschen als jede Generation vor uns. Wir sprechen über Bindungsmuster, Trauma, Kommunikation, emotionale Intelligenz und Selbstfürsorge. Wir hören Podcasts, lesen Bücher, besuchen Workshops, machen Therapien und Coachings. Wir analysieren unser Verhalten, reflektieren unsere Kindheit und kennen mittlerweile für fast jedes Gefühl einen psychologischen Begriff.
Und trotzdem streiten wir.
Wir verlieben uns in Menschen, die nicht zu uns passen. Wir zweifeln an uns. Wir verlieren uns. Wir finden uns wieder. Und manchmal machen wir denselben Fehler einfach noch einmal.
Je mehr ich lerne, desto klarer wird mir: Wissen ist selten das Problem. Menschsein war nie die Theorie.
Vielleicht fühlt sich Erwachsensein heute aber auch deshalb so kompliziert an, weil wir so viele Möglichkeiten haben.
Frühere Generationen hatten häufig einen deutlich vorgezeichneten Weg. Das bedeutete nicht, dass ihr Leben einfacher oder glücklicher war. Aber vieles war klarer. Man lernte einen Beruf, blieb oft in der Region, in der man aufgewachsen war, gründete eine Familie und arbeitete bis zur Rente. Über vieles musste gar nicht erst entschieden werden.
Heute sieht das anders aus.
Wir dürfen unseren Beruf wechseln. Wir dürfen noch einmal studieren. Wir dürfen auswandern, alleine reisen, Unternehmen gründen, Beziehungen beenden und wieder neu anfangen. Wir dürfen Kinder bekommen oder uns bewusst dagegen entscheiden. Wir dürfen unser Leben immer wieder hinterfragen und neu gestalten.
Ich glaube, das ist eines der größten Geschenke unserer Zeit.
Und gleichzeitig eine ihrer größten Herausforderungen.
Denn plötzlich reicht es nicht mehr aus, einfach einen Weg zu gehen.
Wir glauben, wir müssten den richtigen finden. Den Beruf, der uns erfüllt. Den Partner, mit dem wir alt werden. Den Ort, an dem wir ankommen. Das Leben, das sich endlich richtig anfühlt.
Vielleicht setzen wir uns genau deshalb so unter Druck. Nicht, weil wir zu wenige Möglichkeiten haben. Sondern weil wir so viele haben, dass wir Angst bekommen, die falsche zu wählen.
Als gäbe es irgendwo den einen perfekten Weg, den wir nur rechtzeitig entdecken müssten.
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich daran.
Vielleicht besteht Erwachsensein gar nicht darin, irgendwann alles verstanden zu haben. Vielleicht besteht es auch nicht darin, endlich angekommen zu sein.
Vielleicht besteht Erwachsensein darin, zu akzeptieren, dass wir unseren Weg erst beim Gehen entdecken.
Dass wir uns umentscheiden dürfen.
Dass wir Umwege gehen dürfen.
Dass wir Dinge ausprobieren dürfen, ohne schon zu wissen, wo sie enden.
Und dass wir auch mit vierzig oder fünfzig noch einmal neu anfangen dürfen.
Vielleicht ist genau das der Plan.
Nicht, dass wir irgendwann auf alle Fragen eine Antwort haben.
Sondern dass wir aufhören zu glauben, wir müssten sie längst kennen.
Absurd, aber wahr.


