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Wir wünschen uns Ehrlichkeit.

  • Lisa
  • 1. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Zumindest sagen wir das.

„Ehrlichkeit ist mir wichtig.“ Kaum ein Satz fällt häufiger, wenn Menschen darüber sprechen, was sie sich in Freundschaften, Beziehungen oder im Berufsleben wünschen. Ehrlichkeit scheint einer der wichtigsten Werte überhaupt zu sein.


Aber stimmt das wirklich?

Oder wünschen wir uns in Wahrheit etwas anderes?


Vielleicht wünschen wir uns gar nicht Ehrlichkeit. Vielleicht wünschen wir uns Bestätigung.

Bestätigung dafür, dass wir recht haben. Dass wir gut genug sind. Dass wir geliebt werden. Dass die andere Person genauso fühlt wie wir. Solange Ehrlichkeit genau das bestätigt, feiern wir sie. Dann sagen wir Dinge wie: „Wenigstens war er ehrlich.“ Oder: „Ich komme mit Ehrlichkeit besser klar als mit einer Lüge.“


Doch was passiert, wenn Ehrlichkeit plötzlich unbequem wird?


Wenn jemand ehrlich sagt: „Ich habe keine Gefühle für dich.“ Oder: „Ich möchte keine Beziehung.“ Oder: „Ich brauche Abstand.“ In diesen Momenten fühlt sich Ehrlichkeit oft gar nicht mehr so wertvoll an. Plötzlich wünschen wir uns nicht mehr die Wahrheit – sondern dass die Wahrheit eine andere wäre.

Genau hier beginnt für mich der spannende Teil.


Ich glaube, wir verwechseln Ehrlichkeit häufig mit Zustimmung. Wir sagen, wir wünschen uns offene Kommunikation. Was wir aber oft meinen, ist: Bitte sei ehrlich – solange deine Ehrlichkeit zu meiner Vorstellung passt.

Dabei bedeutet Ehrlichkeit nicht, dass zwei Menschen am Ende dieselbe Wahrheit haben müssen. Ehrlichkeit bedeutet, dass jeder seine eigene Wahrheit aussprechen darf. Und genau das macht sie manchmal so schwer auszuhalten.

Denn was passiert, wenn die Wahrheit des anderen nicht zu unserer passt?

Können wir sie stehen lassen?

Können wir akzeptieren, dass jemand uns mag, aber keine Beziehung möchte? Dass jemand uns respektiert, aber einen anderen Lebensweg einschlagen will? Dass jemand ehrlich sagt, was er fühlt – obwohl wir uns etwas völlig anderes erhofft haben?

Oder beginnen wir genau in diesem Moment, die Ehrlichkeit der anderen infrage zu stellen?


Plötzlich heißt es dann: „Der weiß doch selbst nicht, was er will.“ Oder: „Das sagt er doch nur, weil…“ Wir suchen nach Erklärungen, nach Ausreden oder nach versteckten Botschaften. Manchmal nicht, weil die andere Person unehrlich war, sondern weil ihre Wahrheit nicht zu unserer Geschichte passt.


Vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, Ehrlichkeit wirklich zu leben.

Denn Ehrlichkeit ist nicht nur der Mut, die Wahrheit auszusprechen.


Sie ist auch der Mut, eine Wahrheit anzunehmen, die wir uns niemals gewünscht hätten.


Vielleicht braucht Ehrlichkeit deshalb immer zwei Menschen.

Einen, der den Mut hat, ehrlich zu sein.

Und einen, der den Mut hat, die Ehrlichkeit des anderen stehen zu lassen, ohne sie sofort verändern, erklären oder bekämpfen zu wollen.


Das bedeutet übrigens nicht, dass wir jede Wahrheit gut finden müssen. Wir dürfen enttäuscht sein. Traurig sein. Wütend sein. Wir dürfen widersprechen oder uns entscheiden, dass diese Ehrlichkeit nicht zu unserem Leben passt.

Aber genau darin zeigt sich, ob wir Ehrlichkeit wirklich schätzen.


Nicht daran, wie sehr wir sie feiern, wenn sie unsere Hoffnungen bestätigt.

Sondern daran, wie wir mit ihr umgehen, wenn sie ihnen widerspricht.


Vielleicht ist Ehrlichkeit also gar nicht das Problem.

Vielleicht mögen wir nur manche Wahrheiten nicht.

Und vielleicht beginnt echte Ehrlichkeit genau dort, wo wir aufhören zu fragen:

„War das die Antwort, die ich hören wollte?“

Und anfangen zu fragen:

„War das die ehrlichste Antwort, die dieser Mensch mir geben konnte?“

Das ist ein Unterschied.

Ein ziemlich großer sogar.


Absurd, aber wahr.

 
 
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